Baum - Harry Meyer

Harry Meyer setzt in dieser Arbeit einen Baum in ein ungewöhnlich schmales, hochformatiges Bildfeld – ein Format, das den Blick des Betrachters unmittelbar nach oben führt und den Stamm wie eine kraftvolle Achse durch die gesamte Komposition zieht. Der Baum wirkt dabei nicht wie eine beiläufige Landschaftsnotiz, sondern wie ein eigenständiges Bildzentrum, ein Wesen, das den Raum beherrscht und strukturiert.

In Meyers für ihn typischer, expressiver Handschrift entsteht der Baum aus pastosen, energisch gesetzten Farbspuren. Dicke Farbschichten modellieren die Oberfläche wie ein Relief: Der Pinselduktus bleibt sichtbar, teilweise wirkt die Farbe regelrecht geknetet oder geschoben. Zwischen kräftigen dunklen Partien im Stamm und leuchtenden Akzenten in Grün, Türkis, Orange und Ocker entsteht eine spannungsreiche Bewegung – als würde sich der Baum im Malprozess selbst aufrichten und ausdehnen.

Trotz des extremen Formats gelingt es Meyer, Nahsicht und Fernsicht zugleich zu vereinen: Der Betrachter steht dem Stamm scheinbar ganz nahe, erkennt die Materialität der Rinde und die Verdichtung der Malerei – und zugleich öffnet sich im Hintergrund eine Landschaft mit Himmel und Bodenpartien, die dem Motiv Tiefe und Atmosphäre gibt. Das Bild wirkt dadurch wie eine Verdichtung von unmittelbarer Präsenz und räumlicher Weite: Intimität und Panorama treffen in einem einzigen Blick zusammen.

Neben dieser formalen Besonderheit trägt das Motiv eine starke symbolische Ebene: Der Baum ist seit jeher ein Ursymbol der Malerei und der Kunstgeschichte – ein Sinnbild für Wachstum, aber ebenso für Lebenskraft, Beständigkeit, Verwurzelung, Zeit und Erinnerung, Wandlung und Erneuerung, Schutz, Hoffnung sowie für die Verbindung zwischen Erde und Himmel. In dieser Arbeit erscheint er nicht nur als Teil der Natur, sondern als Zeichen: als Bild für das Werden, für das Aufrichten, für das Weiterleben.

So entsteht eine Malerei, die durch ihr Format überrascht, durch ihre Materialität überzeugt und inhaltlich weit über das Gegenständliche hinausweist – ein Baum als monumentale Metapher.

Diese Arbeit war zudem Bestandteil der Ausstellung „DuC – Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung“, die 2009 in Wuhan (China) gezeigt wurde – ein Projekt des deutsch-chinesischen Kulturaustauschs, hochkarätig juriert und als internationale Plattform für zeitgenössische Positionen konzipiert. Damit trägt das Werk nicht nur eine starke innere Bildsprache, sondern auch eine nachweisbare Ausstellungsgeschichte.

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