In seinen Arbeiten widmet sich Harry Meyer den elementaren Kräften der Natur – jenen Energien, die hinter der sichtbaren Form wirken und Landschaft erst entstehen lassen. Berge erscheinen bei ihm als Manifestationen tektonischer Bewegung, Bäume als lebendige Träger von Wachstum, Spannung und Verwurzelung. Sie sind nicht bloß Motive, sondern Ausdruck innerer Dynamik.
Der Baum, eines seiner zentralen Themen, wird in dieser Arbeit zu einer kraftvollen Chiffre für Erdverbundenheit und Aufstrebung zugleich. Der Stamm scheint sich aus dem leuchtenden, bewegten Terrain herauszuarbeiten, während sich die Äste weit in den intensiv gefassten Himmel ausdehnen. Die Landschaft wirkt nicht statisch, sondern in ständiger Formung begriffen – als würde man den Moment erleben, in dem Energie zu Gestalt wird.
Charakteristisch für Meyer ist der außergewöhnlich pastose Farbauftrag. Die Ölfarbe wird nicht nur gemalt, sondern regelrecht modelliert. In diesem Sinne ist er ein wahrer „Bildhauer“ der Malerei: Die Oberfläche gewinnt reliefartige Präsenz, die das Werk über die reine Bildfläche hinaus in den Raum erweitert. Farbe wird zu Substanz, zu Körper, zu Struktur.
Gerade diese ausgeprägte Materialität erzeugt eine besondere Lebendigkeit. Durch den pastosen Aufbau entstehen Licht- und Schattenzonen, die sich mit dem Lauf der Sonne verändern. Das Werk tritt so in einen subtilen Dialog mit seiner Umgebung – es bleibt nicht gleich, sondern offenbart im wechselnden Tageslicht immer neue Facetten. Jede Betrachtung wird zu einer neuen Erfahrung.
Für eine Sammlung bedeutet diese Arbeit nicht nur eine kraftvolle landschaftliche Position, sondern ein Werk mit physischer Präsenz und zeitlicher Dimension – eine Malerei, die Energie sichtbar und Natur als gestaltende Kraft unmittelbar erfahrbar macht.